Der Weg zu Grundrechten ist noch weit
Author: Martin Maier, Katholische Nachrichten Agentur
Date: Januar, 2007
Source: Martin Maier - not available online
Nairobi (KNA) Der Befreiungstheologe Jon Sobrino aus El Salvador kennt Armut und Elend in Lateinamerika. Doch die Not, der er in Nairobis Elendsviertel Kibera begegnet, verschlägt ihm die Sprache. Im wohl größten Slum der Welt leben 800.000 Menschen - so weit man von Leben überhaupt sprechen kann. Pro 200 Einwohner gibt es eine Toilette, deren Benutzung vier Schilling kostet - umgerechnet fünf Eurocent, die für viele Arme unerschwinglich sind.
Die Polizei traut sich nicht in die engen Gassen von Kibera. Das Ausmaß der Gewalt steigt besonders vor politischen Wahlen, wenn ethnische Gruppen aneinander geraten. Zu furchtbaren Brandkatastrophen kommt es dann, wenn eine der illegalen Tankstellen Feuer fängt. Höchstens 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen gehen zur Schule. Bei 30 Prozent dürfte nach Schätzungen eines Sozialarbeiters auch die HIV-Infektionsrate liegen.
Im Gespräch mit Schülern der St.-Aloysius-Gonzaga-Schule sagt Sobrino: "Ich komme von weit her und verneige mich vor dem Leid, dem ich hier begegne." Dabei fasziniert ihn der Lebenswille der Menschen und das Lächeln der Kinder - trotz der unmenschlichen Lebensbedingungen. Mit der Frage nach ihren Erwartungen an das Weltsozialforum wissen die Schüler wenig anzufangen. Kaum jemand von Kibera kann es sich leisten, zum internationalen Sportzentrum am westlichen Rand Nairobis zu fahren, wo von Samstag bis Donnerstag das 7. Weltsozialforum stattfindet. Erwartet werden bis zu 100.000 Teilnehmer.
Protest gegen Davos und Globalisierung
Das Weltsozialforum entstand 2001 als Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos und bündelt die Bewegung der Globalisierungskritiker. Unter dem Motto "Eine andere Welt ist möglich" trafen sich Vertreter sozialer Bewegungen aus der ganzen Welt zunächst jährlich im brasilianischen Porto Alegre. 2004 wurde das Weltsozialforum im indischen Bombay ausgerichtet, 2006 dezentral in Afrika, Asien und Lateinamerika. Nun also Nairobi.
Kenias Hauptstadt ist an internationale Veranstaltungen gewöhnt. Zuletzt fand dort im November der UN-Klimagipfel statt. Im modernen Zentrum der Stadt steht ein internationales Konferenzzentrum. Als einzige Stadt Afrikas beherbergt Nairobi mit dem UN-Umweltprogramm UNEP und dem Wohnungsprogramm Habitat zwei Organisationen der Vereinten Nationen. Damit spiegelt Nairobi selbst die weltweite Kluft zwischen Arm und Reich, deren Überwindung ein zentrales Thema des Weltsozialforums ist.
Außer Kibera gibt es noch rund 200 kleinere Slums, in denen insgesamt 2,5 Millionen Menschen und damit 60 Prozent der Bevölkerung leben. Sie sind auf gerade mal 5 Prozent des Stadtgebietes zusammengepfercht. Im Weltentwicklungsbericht der UN rangiert Kenia auf Platz 154, direkt nach Haiti, dem ärmsten Land Lateinamerikas. 22 Prozent des Regierungshaushalts fließen in die Schuldentilgung. Das ist mehr, als für Bildung ausgegeben wird.
Fragt man kenianische Studenten nach ihren Erwartungen an das Weltsozialforum, so erhoffen sie sich vor allem, dass die Not in ihrem Land mehr internationale Aufmerksamkeit findet. Sie freuen sich auf die Begegnungen mit den Teilnehmern aus anderen Ländern und Kulturen und geben bereitwillig ihre E-Mail-Adressen weiter. Doch wäre es unrealistisch, von dem Treffen unmittelbare soziale Verbesserungen zu erwarten. Der belgische Soziologe Francois Houtard erhofft sich immerhin den Schritt von einem kollektiven Bewusstsein zum kollektiven Handeln.
Eine besondere Initiative am Ende des Weltsozialforums ist ein Marathon-Lauf für menschliche Grundrechte durch mehrere Slums. Für zwölf Eurocent kann man sich registrieren lassen und erhält für die Distanz von 14 Kilometern ein T-Shirt mit entsprechendem Aufdruck. Der Weg bis zur Einlösung der Grundrechte für die meisten Menschen in Nairobi und in Afrika dürfte allerdings um einiges weiter sein.
